Der Spezialist

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Charles Sale: THE SPECIALIST

Zum Hintergrund:

Charles Sale (1885-1936) war ein einst hochgeschätzter amerikanischer Komödiant. Im Februar 1930 publizierte ein Londoner Verlag sein feines Büchlein: The Specialist. Die Illustration der Erstauflage besorgte William Kermode (1895-1959). Das Werk avancierte zu einem angloamerikanischen Bestseller mit rund 800.000 verkauften Exemplaren. Das ehrwürdige Times Literary Supplement würdigte es 1930 mit den Worten:

„Dieses Buch bezieht sich auf die beruflichen Tätigkeiten eines gewissen Lem Putt, eines Spezialisten in den schlichteren Formen der Sanitärtechnik. In Lems muttersprachlicher Redeweise geschrieben, kommt es in der Gestalt einer Erklärung seiner Methoden daher, die er einem seiner Kunden gibt. Lem ist, wie wir erfahren, ein Künstler ganz eigener Art mit einer Kenntnis der menschlichen Natur, die ihn befähigt, in seinen Konstruktionen ihren delikatesten psychologischen und materiellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Seine Beobachtungen sind pfiffig und amüsant, doch da man, um ihren Humor zu würdigen, eine sanfte Verletzung jener Zurückhaltung und Bescheidenheit hinnehmen muss, die Lem versteht, ohne für sie einzutreten, können wir anspruchsvollen Leuten dieses Buch nicht empfehlen. Was uns betrifft, finden wir es zu genial, als dass es anstößig sein könnte; das Attribut des Verlegers – ‚auf unschuldige Weise rabelaisisch‘ – passt recht gut.“

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DER SPEZIALIST

Aus dem amerikanischen Englisch
von Jürgen Dierking und Johann-Günther König
Neu illustriert von Hajo König

LEM PUTT – das war nicht sein wirklicher Name – hat wirklich gelebt. Er arbeitete so besessen wie ein großer Maler, dessen Herz in seiner Leinwand pocht; und in dieser kleinen Skizze habe ich ganz einfach versucht, meine Erinnerungen an diesen Mann zu fixieren, den ich kannte und der so reich an seltsamen und liebenswerten Charakterzügen war, dass ich einen unauslöschlichen Eindruck davon behalten habe. C.S.

Das ham Se sicher auch schon gehört: dies ganze Geschwafel und Geplapper, dass wir im Zeitalter der Spezialisierung leben. Ich bin Zimmermann von Beruf. Es gab ne Zeit, da hätt ich nen Haus, ne Scheune, ne Kirche oder nen Hühnerstall bauen können. Aber denn hab ich den Bedarf an einem Spezialisten in meinem Fach erkannt, also hab ich’s studiert. Ich hab’s geschafft; jetzt kann ich’s. Liebe Leute, Ihr steht Aug‘ in Aug‘ dem anerkannten Meisterbauer Stiller Örtchen im Bezirk Sangamon gegenüber.

Luke Harkins war mein erster Kunde. Er hatte gehört, dass ich mich spezialisiert hab‘, und hat denn beschlossen, sich das zunutze zu machen. Für ihn hab ich einfach den normalen Drei-Locher für ne achtköpfige Familie gebaut. Mit dieser Arbeit hatte ich meinen Ruf dann weg, und seit damals hab ich all meine Zeit und meine Gedanken auf dieses besondere Gebiet verwendet. Klar, wenns mal nich so läuft mit dem Geschäft, tapezier ich nebenbei son büschen. Aber mein Herz gehört einfach dem Örtchenbau. Und wenn ich ne Arbeit abgeliefert hab, bin ich damit noch nicht durch. Ich geb all meinen Kunden nen halbes Jahr Garantie, kostenlos, umsonst. Das hab ich Luke erklärt, und eines Taches ruft er mich an und sagt: „Lem, komm doch mal raus zu mir; ich hab nämlich Probleme mit meinem Örtchen.“

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Ich setz mich also ins Auto und fahr raus zu Luke und hab mich hinter dem Hofgebäude von Baldwins versteckt, wo ich nen guten Blick auf die Lage hatte.

Es war grad mitten in der Heuernte, und diese Tachelöhner sind dauernd hingerannt und sind fast ne dreiviertel Stunde draufgeblieben, wenn nicht ne ganze. Denk bloß mal!

Ich sag: „Luke, du hast wirklich nen Problem mit deinem Örtchen, das ist sicher.“ Ich hol also meinen Werkzeugkasten raus und geh rein, um die ganze Anlage zu untersuchen.

Erst guck ich auf den Katalog, der da hängt, im Gedanken, dass es vielleicht an dem liegt; aber der stammte nich mal von nem bekannten Laden. Dann guck ich mir die Sitze selber an und seh sofort, wo das Problem liegt. Ich hatte diese Löcher, verdammt, einfach zu bequem gemacht. Also hol ich ne Laubsäge raus und schneid se rechteckig mit harten Kanten. Dann geh ich zurück und nehm meine alte Position wieder ein – ich hier, die Baldwins hier, und das Örtchen da. Und ich beobachtete fast zwei Stunden lang, wie die Tachelöhner rein- und rausgingen; und kein einziger blieb länger als vier Minuten drin.

„Luke,“ sag ich, „ich habs rausgekriegt.“ Das kommt eben dabei raus, wenn man Spezialist ist, liebe Leute. Nich lange danach hab ich denn dieses Doppelding für das Schulgebäude gebaut, und danach dann die bis heute größte Anlage überhaupt – nen Achtlocher. Elmer Ridgway war unten und hat sich’s angeguckt. Und eines Taches kommt er zu mir und sagt: „Lem, ich hab das Achtloch-Ding gesehen, das du unten bei den Corners gemacht hast, und das is echt erstklassich; und weil ich sowieso gerade am Rumknobeln bin, was ich aufm Gelände vom alten Robinson so bauen sollte, dachte ich, ich fraach dich mal, was du schätzt, was sowas bei mir kosten würde.“

„Da bist du genau an den Richtigen geraten, Elmer,“ sag ich. „Ich komm raus zu dir, sobald ich das Dach über dem Zweisitzer fertich hab, den ich grad für den Sheriff hochzieh.“

Nen paar Tache später fahr ich zu Elmer raus und komm ja denn so zur Abendbrotszeit hin. Ich klopf nen paar Mal anne Tür und seh, dass ne Menge Leute zum Abendbrot da sind, und weil ich se nich stören wollte, schleich ich mich hinten rum zur Seitentür und ruf: „He, Elmer, da bin ich; wo willste dieses Örtchen gebaut haben?“

Elmer kommt raus und wir schnacken denn ja über ne gute Stelle für das Ding. Er wollte es gleich neben nem ausgetretenem Pfad haben, wo man an so nem riesigen Apfelbaum vorbeikommt.

„Würd ich nich machen, Elmer,“ sag ich, „und ich will dir auch sagen, warum. Es is nämlich schlecht, wenn es dicht an einem Baum steht. In der Natur gibt das nich noch’n Geräusch, das so beunruhigend klingt, wie Äpfel, die auf’s Dach plumpsen. Und denn noch was anderes. An dem Baum geht so’n buckliger Pfad vorbei, und der Boden da is nich drauf eingerichtet, Feuchtigkeit aufzunehmen. Während der regnerischen Jahreszeit wird’s da denn glitschich. Nimm bloß mal deinen Opa – da hinzugehen is so ziemlich die einzige Erholung, die er hat. Dann geht er raus in so ner regnerischen Nacht und der Schlafanzuch flattert ihm um die Beine, und wenn du morgens rauskommst, findest du ihn womööchlich mit dem Gesicht im Modder liegen, oder er kommt vielleicht in so ner Kurve vom Weg ab und verheddert sich in der Futterkrippe. Nee, Mann,“ sag ich, „setz es in gerader Linie mit dem Haus, und wenn’s dir nichts ausmacht, bau’s neben den Holzstoß. Ich will dir auch sagen, warum.

Nimm zum Beispiel mal ne Frau – die geht raus. Auf’m Rückweg nimmt se fünf Holzscheite mit, und die durchschnittliche Frau nimmt diesen Weg vier- bis fünfmal tächlich. Denn haste ohne jede Schwierigkeit zwanzig Scheite inner Holzkiste. Wenn de aber jetzt ne schüchterne Frau nimmst, die geht, wenn se Mannsvolk in der Nähe sieht, nich direkt hin, sondern die geht erst zum Holzstoß und dann zurück ins Haus und wartet ab, bevor se dann endlich reingeht. Eine schüchterne Frau – besonners eine grad eingestellte Dienstmagd – wird also mindestens zehn solche Gänge zum Holzstoß machen, ich hab‘ das selbst erlebt, bevor sie wirklich ohne Hemmungen drauf geht. An nem guten Tach hast du also zu Mittach deine Holzkiste voll und was meinste, was de da für Zeit bei einsparst. Was jetzt das Graben angeht, da kann man gar nich vorsichtich genug sein,“ sag ich. „Mach die Grube tief und breit. Nen kleines Örtchen über nem großen Loch macht sich viel besser als nen großes Örtchen über nem kleinen Loch. Und noch was anderes. Wenn du’s einmal gräbst, denn grab’s richtig; dann hast du nich diesen quälenden Gedanken, dass du womööchlich bald wieder neu graben musst.

„Und wenn es an die Konstruktion geht,“ sag ich, „kann ich dir Planken oder Balken liefern. Planken erfüllen ihren Zweck. Balken kosten nen büschen mehr, aber das sind se auch wert. Balken, könnte man sagen, halten ewich. Ich könnte dir natürlich auch Planken liefern, aber denk‘ bloß mal an deine Tante Emmy, die wird bestimmt nich dünner und leichter werden. Eines Taches könnte sie da draußen sein, wenn diese Planken plötzlich nachgeben, und denn säße se – tief drin. Ne andere Sache, die du dir mal vorstellen musst, Elmer,“ sag ich, „is die, dass die Wandervereine im Herbst nen Picknick veranstalten. Diese Burschen gehen da zu viert oder zu sechst drauf, singen und trinken und sowas, und das will ich dir verklogfideln: Nichts macht so’n Picknick der Wanderburschen schneller kaputt als ne große Aktion, wenn einer wieder ausgegraben werden muss. Nur Balken, sag ich immer, und du hast deine Ruhe.“

„Und wegen dem Dach,“ sag ich, „ich kann dir ein Pultdach liefern oder ein Giebeldach. Giebeldach kostet nen büschen mehr, aber selbst die feinsten Leute haben Pultdächer. Wenn’s für mich selber wär, würd ich nen Pultdach nehmen, und ich will dir auch sagen, warum.

So‘n Pultdach hat nämlich zwei Ecken weniger, in denen die Wespen ihre Nester bauen können; und an nem heißen AugustnachmitTach geht einem nichts so auf’n Keks wie nen Haufen schwirrender Wespen, wenn man so dasitzt und nen büschen liest oder sich was vorstellt oder überlegt. Noch ne Sache,“ sag ich, „is die, dass nen Pultdach dir ne hohe Tür verschafft. Nimm deinen Sohn, der hoch wie Unkraut schießt; es scheint ja nich so, als ob er unter sich wachse. Jedesmal, wenn der versuchen wollte, unter nem Giebeldach durchzugehn, würde er ne Kopfnuss kriegen. Nimm nen Pultdach, Elmer; sie sind nich schick, aber praktisch, das sind se.

Und denn die Ausstattung. Ich kann dir nen Nagel oder nen Haken geben für den Katalog, und außerdem ne Schachtel für Maiskolben. Nimm zum Beispiel mal deinen Papa; er is vonner alten Schule und würde natürlich lieber die Schachtel nehmen; also tu beides rein, Elmer. Wegen der Schachtel wird’s nich teurer, und außerdem wird der Familienfrieden gewahrt. Nen alter Pudel lernt keine neuen Kunststücke mehr,“ sag ich.„Und da wir grad bei der Ausstattung sind, will ich dir noch ne technische Kleinigkeit erzählen, mit der ich neulich zu tun hatte. Die Fraache war: Welche Lebensdauer hat oder wie lange hält so’n durchschnittlicher Warenkatalog in nem ganz schlichten, gewöhnlichen Drei-Locher für ne achtköpfige Familie? Nen Augenblick lang war ich verblüfft, aber weil’s ne vernünftige Fraache is, hab ich das nachgeprüft und festgestellt, dass man, wenn man den Katalog sagen wir mal im Januar hinhängt, wo man gewöhnlich den neuen kriegt, dass man dann im Juni bei der Abteilung Pferdegeschirre angelangt is; aber bis zur Apfelernte reicht er natürlich nich, und zu viel Besuch aus der Stadt darf denn auch nich kommen.

Und noch ne Sache – sie tun in letzter Zeit so viele von diesen harten bunten Blättern in den Katalog, dass es kaum zum Aushalten is. Da muss man wirklich was dran ändern, und ich hab schon gedacht, ob ich mich mal höchstpersönlich an die Katalogmacher von Sears Roebuck wenden sollte.

Und was das Schloss angeht, so kann ich dir Spule mit Bindfaden liefern oder Haken und Öse. Die Spule mit Bindfaden kostet so gut wie nichts, aber in der Praxis sind se nich gut. Wenn jemand rauskommt und anfängt, an der Tür zu rütteln, kann es sein, dass entweder die Spule oder der Faden nachgibt, und das hast du denn davon. Aber mit Haken und Öse, könnte man sagen, gehört dir das Örtchen den ganzen Nachmittach, wenn dir danach is. Nimm Haken und Öse von der besten Sorte, weil einem nichts mehr auf die Nerven gehen kann, als wenn man da sitzt und grübelt ohne ein gutes, kräftiges, handfestes Schloss an der Tür zu haben.“ Und er hat mir Recht gegeben.

„Jetzt aber,“ sag ich, „was is denn mit Fenstern; manche wollen welche, andere nich. Sie sind nich mehr so beliebt wie früher. Wenn es nach mir ginge, Elmer, würde ich sagen, keine Fenster, und ich will dir sagen, warum. Nimm zum Beispiel mal an, dass jemand rein will – vielleicht hat er’s gerade eilig oder sie hat zu lange gewartet. Wenn die Tür nicht gleich aufgeht oder du nicht sofort antwortest, wird die Person, die rein will, in neun von zehn Fällen immer rundherum gehn und dauernd durchs Fenster linsen, und denn hast du nicht mehr das behagliche Stilles-Örtchen-Gefühl, wie es sein soll. Nun zur Lüftung oder den Motiven, die ich in die Türen säge. Ich kann dir Sterne anbieten, Diamanten oder Halbmonde – viel Auswahl gibt es da nich –, leisten aber alle gute Dienste. Viele Leute mögen Sterne, weil die so nen gezackten Schatten werfen. Andere mögen lieber Halbmonde, weil se elegant und einfach sind. Letztes Jahr ham wer ne Menge Sterne ausgeschnitten; aber dies Jahr sind die Leute nich mehr so dahinter her und wollen eher Halbmonde. Ab und zu schneid ich auch mal verschlungene Herzen für junge Ehepaare oder Weintrauben für Neureiche. Diese beiden letzten Motive laufen unter Neuheiten, und ich empfehle sie nicht oft, weil das viel Zeit kostet und ins Geld geht.

Ich würd mich nich zu hastig entscheiden, was die Lüftungslöcher angeht, Elmer,“ sag ich, „weil se eng mit der Schönheit der ganzen Anlage zusammenhängen. Aber übertreib‘s auch nich, wie’s Doktor Turner gemacht hat. Er wollte beides, Sterne und Halbmonde, obwohl ich ihm abgeraten hatte, und jetzt tut es ihm leid. Aber es ist zu spät, denn wenn ich se einmal säge, sind se gesägt. Und, Mann, es kann einen mächtich zum Hals heraushängen, wenn man tachaus tachein dasitzt und auf’n Lüftungsloch guckt, das man nich leiden mach. Ich verwende nur astfreies Holz. Ganz glattes, weiße Pinienholz – und ich will dir auch sagen, warum: Denk dir nen Astloch; wenn es nicht rausfällt, wird’s von jemand rausgedrückt; und wenn’s in die Tür kommt, wird es in neun von zehn Fällen zu hoch sein, sodass man, wenn man dasitzt, nich rausgucken kann, aber gerade die richtige Höhe haben, dass irgend so’n Schnüffler, der da rumschleicht, reinglotzen kann – und dann – ja denn bist du ertappt.

Nun,“ sag ich, „wie soll die Tür denn aufgehen? Nach innen oder nach außen?“ Er sagte, das wüsste er nich. Da hab ich gesagt, dass se nach innen aufgehen soll. Das funktioniert nämlich so: „Stell dir vor, du sitzt drin. Die Tür geht nach innen auf, sagen wir mal, fünfundvierzig Grad. Das gibt einem Luft und lässt die Sonne reinscheinen. Wenn du jetzt jemand kommen hörst, kannst du ihr mit dem Fuß nen schnellen Schubs geben, und dicht is die Laube. Aber wenn se nach außen aufgeht, was machste denn? Du kannst nich riskieren, sie wegen der Luft oder der Sonne offen zu lassen, weil du denn, wenn jemand kommt, nich rechtzeitig vom Sitz hochkommst, um hinzulangen und sie zuzumachen, ohne ertappt zu werden, oder etwa nich?“ Er hat auch eingesehen, dass ich Recht hatte.

Also hab ich seine Tür gebaut wie alle meine Türen, so, dass se nach innen aufgeht, und, is ja klar, mit Blick nach Osten, um die Sonne voll auszunutzen. Und Mann, es gibt nichts Erholsameres als morgens dort hinauszukommen und bequem dazusitzen, wobei die Tür zu drei Vierteln offensteht. Die gute alte Sonne, die auf einen runterknallt, kann einen so richtig entspannen, und das empfindet man denn als r i c h t i g, m ä c h t i c h  e r h o l s a m.

„Fehlt noch,“ sag ich, „die Bemalung. Welche Farbe soll es denn haben, Elmer?“ Er sagte, rot. „Elmer,“ sag ich, „ich kann’s rot anmalen, und Rot sieht sehr schön aus; oder ich kann’s hellgrün malen, oder in irgend einer anderen von einem halben Dutzend Farben, und die sind alle sehr hübsch; es is aber nich praktisch, nur ne einzelne Farbe zu verwenden, und ich will dir auch sagen, warum. Die is nämlich nachts verdammt schlecht zu sehen. Man braucht nen Kontrast – wie sie ihn bei den Eisenbahnschranken benutzen –, damit man’s im Dunkeln sehen kann. Wenn ich du wär, würd ich’s hellrot anmalen, mit weißen Flecken – genau wie deine Scheune. Das passt denn gut zusammen bei Tacheslicht, und nachts isses ganz leicht zu erkennen, wenn man nich viel Zeit hat, erst lange rumzusuchen.

Es gibt viele gute Gründe, sich nen erstklassiges Örtchen zuzulegen, über die der Durchschnittsmensch nich weiter nachdenkt. Das is keine Arbeit für nen Amatöör, da kannste Gift drauf nehmen. Da is nämlich viel mehr bei zu bedenken, als du auf’n ersten Blick erkennst, wenn du bloß nen paarmal zum Örtchen des Nachbarn rüber schielst. Eine der schlimmsten Tragödien, die sich seit Jahren hier ereignet haben, kam doch daher, dass die Jungs vom alten Clark dachten, sie wüssten was über diese Art von Arbeit, aber das stimmte eben gar nich.

Der alte Clark – wenn er noch lebt, hat er jetzt Siebenundneunzig auf’m Buckel – wohnt mit seinen Jungs drüben auf der anderen Seite der Schlucht. Bat mich, rüberzukommen und nen Kostenvoranschlach zu machen zu ihrem Projekt. Mein Preis war zu hoch; also beschlossen sie, es selbst zu machen. Und da ging denn das Elend richtich los.

Ich hab damals so’n büschen tapeziert bei der Witwe, die unten hinter der alten Molkerei wohnt. Als ich hinfuhr, konnte ich die Jungs an der Arbeit sehen. Klar, dass ich mich da ja nich reinhängen wollte, also hab ich bloß zu ihnen rüber gerufen, als ich vorbei kam, so auf nachbarliche Art: ‚Hallo Jungs, wie ich sehe, seid ihr so’n büschen am Bauen.‘ Klar, ich wollte mich nicht so verhalten, als hätte ich vor, mich in ihre Arbeit einzumischen; aber ich wusste schon die ganze Zeit, dass sie mit diesem Örtchen Ärger kriegen würden. Und so kam es denn auch. Allem äußeren Anschein nach war’s ne vorschriftsmäßige Arbeit, aber da sie auf diesem Gebiet keine Erfahrung hatten, haben sie’s nich verankert.

Du siehst, ich nehme Kanthölzer vier auf vier, die laufen von oben schnurgerade nach unten bis fünf Fuß unter die Erde runter. Deswegen wird niemand je erleben, dass eins meiner Gebilde in der Halloween-Nacht umgekippt wird. Sie kriegen se vielleicht rausgezogen, aber se umzukippen, das schaffen se nie.

Und denn is das passiert: Sie haben ihr’s nich verankert, und sie haben es kompakt rot angestrichen – zwei böse Fehler.

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Die Nacht von Halloween brach an, dunkler als Pech. Der alte Clark saß draußen drauf. Nen paar von den Teufelskerlen der Nachbarschaft strichen herum und hatten Übles im Sinn, und sie haben es umgekippt mit dem alten Mann drin. Klar, dass der alte Mann anfing zu schreien, und seine Jungs haben wohl ein Geräusch gehört. Sagt einer von ihnen: ‚Was is das für’n Radau? Da muss es jemand auf die Hühner abgesehen haben.‘ Sie nahmen also die Laterne und machten sich auf zum Hühnerstall. Dort fanden sie alles in Ordnung und gingen zum Haus zurück. Dann hörten sie wieder den Hund bellen, und einer von seinen Söhnen sagt: ‚Klingt, als wenn das Bellen vom Örtchen herkommt.‘ Weil es rot angestrichen war, konnten sie aber nich erkennen, dass es umgekippt war, und so sind sie hingelaufen.

Inzwischen war der alte Mann dermaßen durcheinander, dass er anfing, durch das Loch rauszukrabbeln, wobei er die ganze Zeit um Hilfe schrie. Die Jungs erkannten seine Stimme und kamen angerannt, aber gerade, als sie eintrafen, verlor er den Halt und fiel in die Grube rein. Danach schrien sie nur noch – gingen aber nicht näher an ihn ran. Jetzt verstehen Se wohl, was für ne Tragödie das war; und es wird erzählt, dass alle Welt von dem Moment an praktisch einen Bogen um ihn herum machte.“

Na ja, die Zeit verging, und schließlich kam ich mit Elmers Auftrag zurande; und, liebe Leute, alle sagen, dass es – außer meinem Acht-Locher – das feinste Stück Konstruktionsarbeit im ganzen Landkreis is.

Manchmal, wenn ich so’n büschen melanklöterich werde und denke, dass ich meinen Karren womööchlich an den falschen Stern gehängt hätte und besser Chiropraktiker oder Veterinär geworden wär, pack ich die liebe Frau und die Kinner auf den Rücksitz meines Wagens und fahr los, um ungefähr zur Dämmerung bei Elmer vorbeizukommen.

Wenn wir denn oben auf den Hügel kommen, von wo man über sein Gelände sieht, halten wir an. Ich nehm den Gang raus und wir sitzen einfach da und genießen den schönen Anblick. Da steht sein Örtchen auf der Kuppe dicht bei dem Holzstoß, rot und weiß angestrichen, und die Sonnenblumen wachsen drum herum, und Frau Sonne überschüttet es mit nem Bündel goldener Strahlen, bevor sie sich hinter den Hügeln versinkt. In der Ferne kann man den Hund bellen hören, der die Kühe zum Melken heimtreibt, und das langsame Quietschen von Elmers Windradpumpe, die Tach für Tach vor sich hinpumpt, genau wie ich.

Wenn ich runtergucke auf dies schöne Bild meiner Arbeit, bin ich stolz. Ich gebe nen befriedichten Seufzer von mir, die Augen werden mir feucht, und ich sag mir: Die Leute ham schon recht, wenn se sagen, dass dies, nach meinem Acht-Locher, das feinste Stück Konstruktionsarbeit is, das ich je gemacht hab. Ich weiß, dass ich das richtiech gemacht hab, Spezialist zu werden; ich fühle mich wahrlich erhaben; und ich hoff, dass mein Junge, der hochschießt wie Unkraut, meine gute Arbeit weitermacht, wenn ich mal nich mehr bin. Wenn ich noch nen letzten Blick drauf werf, wie wir abfahrn, leg ich den Arm um meine liebe Frau, und ich sag: „Nora, Elmer braucht sich keine Sorgen zu machen, er hat jetzt nen Örtchen ganz für sich, nen p r i m a, p r ä c h t i c h  s t i l l e s  Ö r t c h e n.

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